Kaufberatung P100

Der Große Borgward gehört zu den raren Erscheinungen der Oldtimerszene: Kaum mehr als 50 fahrbereite Autos blieben hier zu Lande erhalten. Selbst Topexemplare sind nicht teurer als ein neuer Golf mit Minimalausstattung.

Karosserie
Lange Erprobungszeiten gehörten nicht zu den Spezialitäten des Hauses Borgward: o kam auch der große P 100 im Herbst 1960 mit Anlaufschwierigkeiten auf den Markt. Die Kinderkrankheiten waren allerdings nicht so zahlreich wie Mitte der fünfziger Jahre bei der Isabella; zudem gelang es der Bremer Automanufaktur recht schnell, die Startschwächen auszumerzen.
Größtes Problem früher Exemplare waren ihre instabilen Karosserien: Im Dachbereich kam es immer wieder zu Vibrationsrissen. Ein generelles Kaufhindernis ist das heute allerdings nicht: Nur eine Hand voll der überlebenden Sechszylinder Limousinen stammt aus den ersten Bauwochen; die meisten Fahrzeuge im heutigen Angebot wurden 1961 gebaut und gelten als ausreichend verwindungssteif.
Großzügige Spaltmaße weist der P 100 ebenso wie die Isabella auf, Rost ist meist das kleinere Problem. Zu den gefährdeten Partien zählen die Ecken der Schweller, die hinteren Radläufe und Endspitzen und - am Unterboden - die hintere Quertraverse, die zwischen den Schwellern und dem Kardantunnel verläuft. Frühe P 100 neigen außerdem zur Blasenbildung im Frontbereich der Motorhaube, wo zwei eng aneinander liegende Bleche die Kontaktkorrosion fördern.
Delikater sind allerdings fehlende Karosserieteile, etwa die empfindlichen Aluminium-Zierleisten oder die Stoßstangen - selbst gebrauchter Ersatz ist nur schwer zu finden. Gleiches gilt für alle Teile der Innenausstattung.

Technik
Motor und Getriebe erreichen - eine typische Tugend der Bremer Marke - Laufleistungen über 200 000 Kilometer. Einen erhöhten Schwierigkeitsgrad hält dagegen die Luftfederung (Borgward-Bezeichnung: "Airswing") bereit: Meist rufen die Luftfederbälge ebenso nach Ablösung wie die Regelventile. Die sind mittlerweile rar wie Gold; Luftfederbälge gibt es immerhin als Nachfertigung (Stückpreis 395 Mark).
Ein besonderer Schwachpunkt des P 100 findet sich an der Vorderachse: Häufig sind die Silentbuchsen der Dreieckslenker verschlissen - teure Konsequenz ist eine Neuanfertigung nach Muster.

Preise
Der Borgward P 100 leidet unter seiner delikaten Ersatzteillage und seiner aparten Schwester: Für rund 30 000 Mark gibt es bereits ein Isabella Coupé, die Traumfrau vieler Enthusiasten. Der große Sechszylinder kostet auch in exzellentem Zustand nicht mehr, obwohl er wesentlich seltener ist.
Mittelmäßige P 100 --Exemplare notieren mit etwa 15000 bis 20000 Mark, erfordern aber oft noch Investitionen in Optik und Mechanik; komplette Limousinen zum Schlachten kosten etwa 5000 Mark. Meist sind sie noch nicht einmal hemmungslos verrottet, aber ihr Schicksal sind die hohen Restaurierungskosten: Sie überschreiten den Marktwert in der Regel um das Doppelte. Die Totalsanierung sollten sich nur Werkstatt-Virtuosen zutrauen.

Ersatzteile
Der Große Borgward ist ein Sonderfall: Verbindliche Ersatzteilpreise lassen sich nicht an geben, weil der Handel als Gelegenheitsgeschäft in privaten Händen liegt. Ein gebrauchter Motor notiert mit etwa 5000 Mark, ein neues hinteres Seitenteil oder eine sehr gute Stoßstange mit mindestens 1500 Mark. Viele Teile sind nur auf Tauschbasis zu haben, einige wenige - zum Beispiel die Bälge der Luftfederung - werden in Kleinserie reproduziert.
Die Mitgliedschaft in einem der Borgward-Clubs ist deshalb empfehlenswert: Die meisten P 100-Fahrer kennen sich hier zu Lande beim Namen - sie helfen einander bei Problemen weiter, sind aber durchweg erfreut, wenn sich Neulinge für den Großen Borgward begeistern können.

Club-Adressen
Carl F. W. Borgward Interessengemeinschaft, Hartmut Loges, Paul-Goerens-Straße 30, 45145 Essen, Tel. 02 01/75 74 44, Internet: www.borgward-ig.de (mit Links zu den Internet-Seiten aller Borgward-Clubs weltweit)

Tipp
Der Weg zu Borgwards spätem Renommierstück kann zum Geduldsspiel werden: Denn eigentlich lohnt sich nur der Kauf eines P 100 in komplett restauriertem Zustand oder in guter Originalverfassung. Mittelprächtige P 100 erweisen sich oft als Wanderbaustellen, und die Restaurierung eines völlig verlebten Exemplars kann bis zu 100 000 Mark verschlingen.
Kenner warten auf eines der raren Topexemplare, die nicht im Kleinanzeigenteil auftauchen, sondern fast immer in Clubkreisen weitergereicht werden - maximal drei oder vier sind es im Jahresschnitt.

Mängel
Schweller
Hintere Kotflügel
Hintere Quertraverse
Motorhaube
Vibrationsrisse
Chrom- und Zierteile
Zustand der Innenausstattung
Luftfederbälge
Regelventile
Vorderachse

Fazit
Wem der emotionale Borgward-Bezug fehlt, wird mit einem 220er-Mercedes wohl glücklicher. Für Fans der Bremer Marke ist ein P 100 dagegen das Nonplusultra, ein Monument der berühmten Borgward- Tugenden: Ihn umstrahlt eine Aura aus Wagemut, Extravaganz und Bodenständigkeit.


Motor Klassik-Redakteur
Christian Steiger

mit freundlicher Genehmigung der:
Motor Klassik - das Oldtimermagazin von auto motor und sport
Heft 9/2001

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